Verkehrspolitik zwischen Trauerspiel und zarter Hoffnung

Dort hinten, wo koa Zug hifahrt, (…) hinten ganz weit hint’n in da Obapfoalz“, so singt Georg Ringsgwandl in einem seiner Lieder. Dies trifft so ähnlich auf 123 von rund tausend deutschen Mittelzentren zu, die derzeit nicht ans Schienennetz angeschlossen sind. „Da Fuchs sagt guade Nacht zum Hos“, so eine weitere Liedzeile, das kann man in Sachen Schiene/Bahn bayern-, ja bundesweit wahrlich behaupten!


Straßen- contra Schienen-Ausbau

Wie verfehlt und auto-zentriert die deutsche Verkehrspolitik ist, zeigt sich an folgendem Vergleich: Im Jahr 2019 wurden 233 Kilometer Bundesstraßen neu gebaut oder mit zusätz­lichen Fahrspuren versehen. An Schienenwegen waren es 9 Kilometer und im vergangenen Jahr kam nicht einmal ein einziger Meter neuer Schienenweg hinzu. Die Schiene ist also gegen­über der Straße beim Aus- und Neubau weit abgeschlagen.
Dagegen setzt die Europäische Kommission mit dem »Europäischen Jahr der Schiene« ein richtiges verkehrspolitisches Signal. „Denn die Klimaziele im Verkehrssektor sind nur mit einem starken Schienenverkehr zu schaffen. Damit der Schienenverkehr zum Rückgrat der Verkehrs­wende werden kann, brauchen wir sowohl auf europäischer als auch nationaler Ebene einen Vorrang für Investitionen in den Ausbau der Bahninfrastruktur und attraktivere Angebote“, erklärte MdB Matthias Gastel.
Für den Aus- und Neubau von Straßen stellt der Bund im laufenden Jahr 3,1 Milliarden Euro in den Haushalt ein. Hinzu kommen noch ÖPP-Projekte (öffentlich-private Partnerschaft). Diese werden mit Mitteln aus der Wirtschaft vorfinanziert und belasten den öffentlichen Haushalt später nicht unerheblich. Dagegen stehen nur 1,6 Milliarden Euro für den Aus- und Neubau der Schie­nen­wege zur Verfügung. Diese massive Schieflage besteht schon seit Jahr­zehn­ten; wen wundert es da, dass es eine eklatante Auseinanderentwicklung zwischen den Verkehrs­trägern gibt?

Wir brauchen die (Fuchstal-) Bahn parallel zur stark befahrenen B 17 zwischen Schongau und Landsberg, denn ein gut getakteter, verlässlicher und sicherer Zug bringt Vorteile und Anschluss an Fernverbindungen. (Foto: Holger Braun)


Bedeutung des ÖPNVs

Dazu schreibt das Umweltbundesamt: „Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) mit Bussen und Bahnen in Deutschland ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Mobilitäts- und Alltagskultur. Die Lebensqualität und Urbanität deutscher Städte ist unmittelbar verbunden mit einem attraktiven und leistungsfähigen ÖPNV. (…) Nur wenn der ÖPNV von den Menschen als eine echte Alternative zum Auto wahrgenommen wird, kann er seine Position als umweltverträglicher Verkehrsträger für die Zukunft sichern und ausbauen.“
Auch der Verkehrsclub Deutschland e. V. äußert sich ähnlich: „Jeden Tag bringen Busse und Bahnen Millionen Menschen an ihr Ziel und ermöglichen ihnen die Teilhabe am gesell­schaftlichen Leben. Nicht nur in den Städten, auch für weniger mobile Menschen auf dem Land, ist der öffentliche Nahverkehr verantwortlich für eine verbesserte Lebensqualität, saubere Luft und mehr Platz auf den Straßen. Aus der Zukunft einer nachhaltigen Mobilität ist er nicht wegzudenken, denn er ist nicht nur sicherer und günstiger als das private Auto, sondern vor allem deutlich klimaverträglicher.“


ÖPNV in unserer Region

Der Kämmerer des Landkreises Weilheim-Schongau wetterte jüngst gegen eine Erweiterung des Münchner Verkehrsverbunds in unseren Landkreis. (Anm: Er ist kein gewählter Mandats­träger; aber als CSU-Mitglied torpediert er die Bestrebungen für eine zukunfts­orien­tierte Verkehrs­politik.) Im Weilheimer Tagblatt vom 17.3.2021 wird er so zitiert: „Die Münchner wollen nur, dass mehr Leute mitzahlen für ihren MVV.“ – Hier wird ein Schreckgespenst an die Wand gemalt, die Vorteile eines MVV-Beitritts werden völlig unterschlagen.
Wenn – wie erklärt – die Landkreise Landsberg und Tölz dem Münchner Verkehrs- und Tarifverbund beitreten, dann wird unser Landkreis in Bezug auf einen attraktiven ÖPNV in vielerlei Hinsicht abgehängt.
Nach den augenblicklichen Finanzplanungen des Landkreises WM-SOG sollen für alle Formen von Zukunftsfragen für absehbare Zeit keine Gelder mehr zur Verfügung gestellt werden. Konkret heißt das: Kein Geld für den Beitritt zum MVV-Gebiet (geplant zum Dezember 2024), kein Geld für den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs, kein Geld für den Klimaschutz.


Erfreuliche Signale

Die Gemeinden Bernried, Böbing, Rottenbuch und Steingaden zeigen Interesse an einer elektronischen Gästekarte, mit der Touristinnen kostenlos auf allen Linien der Regionalverkehr Oberbayern GmbH im Oberland fahren können. Die kostenlose Nutzung des ÖPNV könnte Urlauberinnen dazu motivieren, das Auto stehen zu lassen.
Seit dem 1. Januar 2021 gibt es zwischen Peiting und Schongau nur noch einen Tarif für alle Busse. Auch kann das RVO Tagesticket z. B. bereits ab Birkland für eine Fahrt nach Garmisch-Partenkirchen oder Füssen im Bus gelöst werden.
Die Gemeinden Polling und Wielenbach/Wilzhofen machen sich für die Wiedereinrichtung von Bahnhalten in ihren Orten stark, eine wesentliche Begründung ist die für den Schutz unseres Klimas erforderliche Mobilitätswende. Wielenbachs Bürgermeister Mansi will ab sofort alle kommunalen Angelegenheiten und regionalen Planungen daraufhin ausrichten.
Auch im Landkreis Landsberg gibt es kleine ÖPNV-Verbesserungen: Mit nur einem Fahr­schein können alle Busse, unabhängig vom durchführenden Unternehmen, in der gelösten Verbindung benutzt werden. Unabhängig davon, wie viele Buslinien dazu benötigt und wie oft ein Umsteigen erfolgen muss. Mit einem Fahrschein der Regionallinien kann auch der Stadt- bzw. Ortsbus in Landsberg, Kaufering und Dießen ohne Zuzahlung benutzt werden.
Wer im Vergleich mit der Schweiz in der deutschen ÖPNV-Diaspora lebt, der freut sich natürlich über die neuen Großflächenanzeigen für Bus- und Zugverspätungen am Zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB) in Landsberg. Bis Ende Juli sollen weitere 90 Bushaltestellen im Landsberger Stadtgebiet mit solarbetriebenen Displays ausgestattet werden. Die Anzeigen sind zudem barrierefrei und können auf Knopfdruck sogar vorgelesen werden. „Schnelle, zuverlässige Infos über den Fahrplan sind neben Frequenz und Servicequalität die wichtigsten Parameter, wenn es darum geht, Fahrgäste zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel zu motivieren“, da waren sich Landsbergs Oberbürgermeisterin Doris Baumgartl und Landrat Thomas Eichinger einig.


ÖPNV-Entwicklungsland Bayern

Die Bemühungen des AmmerLechLands, eine Übersicht über das ÖPNV-Angebot durch die Herausgabe »Mein Bus-Plan 2021 – Peiting-Schongau-Altenstadt« zu geben, halte ich für sinnvoll. Ob das magere Angebot ausreicht, um Fahrgäste anzulocken? An Werktagen (Schultagen) fährt der Bus von Schongau nach Landsberg sechsmal, an Ferientagen nur viermal. An Samstagen gibt es nur zwei Fahrten. Am Sonntag bleibt der Bus im Depot.
Es gibt noch viel zu tun.


Irmgard Schreiber-Buhl, Schongau
Mitglied im Arbeitskreis Fuchstalbahn in der UIP e.V.

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