Nationalpark Ammergebirge: zu viele Kompromisse?

Der Referent: Dr. Hans Ehrhardt (Foto: Sigi Müller)

Der Referent: Dr. Hans Ehrhardt
(Foto: Sigi Müller)

40 Besucher lockte der Vortrag von Dr. Hans Ehrhardt in die Zechenschenke in Peiting. Im Rahmen der jährlichen Mitgliederversammlung der Umweltinitiative Pfaffenwinkel am 7. März berichtete er über das Vorhaben des Fördervereins „Nationalpark Ammergebirge“.

230 Quadratkilometer Staatsgrund umfasst die Fläche, die der Förderverein gern als Nationalpark ausweisen lassen würde, und sie liegt im Hochgebirge: Das Gebiet reicht vom Lech im Westen bis zur Loisach im Osten und schließt auch den unzugänglichen westlichen Abschnitt des Wettersteingebirges sowie die steilen Nordflanken der Zugspitze und die Westflanke der Alpspitze ein.

Dieses Gebiet könnte der Nationalpark Ammergebirge umfassen.

Dieses Gebiet könnte der Nationalpark Ammergebirge umfassen.

In den verschiedenen Höhenstufen finden sich ganz unterschiedliche Vegetationstypen: Zwischen 800 m und 1400 m wächst Bergmischwald, darüber ist die Zone der Bergfichten und oberhalb von 1800 m, in der „Krummholzzone“, gibt es nur noch Latschen und „alpine Matten“. Anders als der Nationalpark Berchtesgaden würde der Nationalpark Ammergebirge sogar in die Gletscherzone reichen. Da im Ammergebirge 20 % mehr Bergmischwald steht als Fichtenwald, könnte dort ein (in Deutschland einmaliger) Bergmischwald-Nationalpark entstehen.

Durch den Nationalparkstatus optimal geschützt wären die im Hochgebirge höchst seltenen Moore und die letzten Reste alpiner Wildflussauen und natürlich auch der Alpsee und der Schwansee sowie der (allerdings private) Eibsee. Denn anders als in Naturschutzgebieten darf nach deutschen und internationalen Gesetzen in der Kernzone eines Nationalparks keinerlei forst- und landwirtschaftliche Nutzung oder Pflege stattfinden, dort soll „Natur Natur sein“ dürfen.

Die Kernzone muss nach dem Bundesnaturschutzgesetz mindestens 51 Prozent der Nationalparkfläche umfassen und gemäß internationalen Richtlinien 30 Jahre nach der Gründung auf 75 % angewachsen sein. Die restlichen Flächen bilden die sogenannte Pflegezone. Dort soll laut künftiger Nationalpark-Verordnung weiterhin Almweide stattfinden, denn nur so können die artenreichen Magerrasen und Offenlandflächen der Lichtweiden bewahrt werden. Auch die Pufferzone zwischen Nationalpark und Privatwald, die ein Übergreifen des Borkenkäfers verhindern soll, zählt zur Pflegezone.

Da die Wälder im Hochgebirge neben ihrer lokalen Wirkung z. B. als Lawinenschutzwälder auch eine wichtige Hochwasserschutzfunktion für die Flüsse in ganz Südbayern haben, dürfen sie nicht dem Borkenkäfer zum Opfer fallen. In der Kernzone würde er deshalb mit Fallen bekämpft werden, in der Pflegezone hingegen dürfen auch Bäume gefällt werden, wenn dies die Ausbreitung des Borkenkäfers verhindert.

Das Gebiet ist für Wölfe und Bären zu klein, deshalb haben unter den großen Raubtieren nur Luchse eine Chance auf Ansiedlung. Die jedoch töten nicht mehr als ein Reh pro Woche und das ist zu wenig, um die ungebremste Vermehrung des Rotwilds und der Hirsche zu verhindern. Deshalb ist Wildtiermanagement, also Jagd, in der Pflegezone des Nationalparks unerlässlich, um eine Naturverjüngung aller Baumarten des Bergmischwaldes zu gewährleisten.

Kompromisse werden auch beim Tourismus gemacht werden, denn so will es das Bundesnaturschutzgesetz (§ 24, Abs. 2): „Soweit es der Schutzzweck erlaubt, sollen Nationalparke auch (…) dem Naturerlebnis der Bevölkerung dienen.“ Man wird also weiterhin wandern und in den Seen an festen Plätzen baden dürfen. Auf ausgewiesenen Strecken wird das Mountainbiken erlaubt sein, und im Winter wird umweltfreundliches Skibergsteigen nach den Regeln des Deutschen Alpenvereins ebenso möglich sein wie das Langlaufen auf Loipen.

Die Region wird für Touristen also noch attraktiver. Denn wo sonst gibt es diese enge räumliche Verknüpfung von Weltkulturerbestätten (Wieskirche und vielleicht bald die Schlösser Neuschwanstein und Linderhof) mit einem Nationalpark?

In der anschließenden Diskussion wurde Kritik laut an den Zugeständnissen: Wie soll die Natur sich wieder in einen Urzustand entwickeln, wenn so viele Eingriffe und vor allem Jagd erlaubt sind? Dr. Ehrhardt wies darauf hin, dass letztendlich drei Viertel des Nationalparks sich selbst überlassen bleiben, und dort kann sich „Urwald“ ausbilden. Am wichtigsten für eine Rückentwicklung des Waldes sei der Verzicht auf Forstwirtschaft in der Kernzone. Im Übrigen sei der Wald im Ammergebirge – nicht zuletzt dank des Naturschutzkonzeptes des Forstbetriebes Oberammergau – in manchen Bereichen einem „Urwald“ schon sehr nahe.

Doch die Idee hat Gegner vor allem unter den Landwirten und Waldbesitzern. Kompromisse und Zugeständnisse sollten diesen den Wind aus den Segeln nehmen. In Peiting fand man dafür wenig Verständnis und hätte es lieber gesehen, wenn das Projekt noch etwas radikaler in seinen Forderungen wäre, damit die Nationalpark-Idee nicht verwässert wird.

[important]Über den Referenten:
Dr. Hans Ehrhardt aus Halblech ist Biologe und Mitglied im Naturschutzbeirat bei der Regierung von Schwaben sowie im Fachbeirat des Fördervereins Nationalpark Ammergebirge e. V. (www.initiative-nationalpark-ammergebirge.de). Seit Jahren setzt er sich ein für den Erhalt der besonderen Landschaft zwischen Garmisch-Partenkirchen und Füssen.[/important]

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