Welche Zukunft hat der Lech?

Am 7. März fand in Schongau eine aufrüttelnde Infoveranstaltung statt mit Eberhard Pfeuffer und Stephan Günther.

Noch hat der Lech eine Überlebenschance, aber er braucht die aktive Zusammenarbeit aller, denen dieser ehemalige Wildfluss am Herzen liegt. Die Umweltinitiative Pfaffenwinkel hatte ins Schongauer Sparkassenforum eingeladen und rund 50 Zuhörer informierten sich über die Zukunft des Lechs. Dr. Eberhard Pfeuffer von der Lechallianz, der den erkrankten Günther Groß vertrat, und Lechtal-Gebietsbetreuer Stephan Günther (Lebensraum Lechtal e. V.) konnten zeigen, warum und wie diesem noch immer großartigen Fluss und seinen Auen zu helfen ist.

Dr. Eberhard Pfeuffer (Lechallianz e. V.)
Dr. Eberhard Pfeuffer (Lechallianz e. V.)

Bis ins 20. Jahrhundert sorgten wechselnde Pegelstände und Hochwasser dafür, dass die Flusslandschaft sich ständig veränderte. Kies und Geröll wurden weitertransportiert und verlagert. Viele verschiedene Biotope entstanden auf den Kiesbänken und an den Ufern. Diese Dynamik machte den Lech zu einer Biotopbrücke, die für ganz Europa Bedeutung hatte. Mit beeindruckenden Fotos von Dr. Heinz Fischer (1911-1991) konnte Eberhard Pfeuffer zeigen, welch Artenreichtum und was für eine grandiose Landschaft uns verloren gegangen sind.

Denn die Verbauung des Lechs, die im 19. Jahrhundert mit Faschinen (Reisigbündeln) begonnen hatte, wurde durch die Verwendung von Beton immer effektiver – mit verheerenden Folgen: Die Flussauen haben keine Verbindung mehr zum Fluss und Feuchtbiotope trocknen aus. Welch ein Artenverlust geht damit einher! Wehre unterbrechen den Kiestransport und die Flusssohle tieft sich ein – um zwei bis drei Zentimeter pro Jahr. So droht ein Sohledurchbruch, also die Zerstörung der wasserundurchlässigen Schicht (Flinz). Diese Gefahr hat das Wasserwirtschaftsamt Donauwörth zum Handeln bewogen und der Flussdialog „Licca liber“ wurde geboren. Das Ziel: Stabilisierung und Renaturierung des Lechs, um entsprechend der EU-Wasserrahmenrichtlinie die Qualität des Flusses zu verbessern – unter Berücksichtigung der Interessen der Betroffenen.

Die Lechallianz beteiligt sich an diesem Prozess. Und das ist gut so, denn auch E.ON ist dabei und dieser Stromanbieter wollte die Situation auf seine Weise verbessern: mit einem neuen Stauwehr mitten im FFH-Gebiet „Stadtwald Augsburg. Das konnte die Lechallianz bisher mithilfe von Bürgern und Presse verhindern.

Auch wenn es zunächst nur um einen kleinen Lechabschnitt nördlich von Augsburg geht, werden die Erfahrungen mit dieser Renaturierung eingehen in alle weiteren Maßnahmen zwischen Füssen und Donauwörth. Aus dem Lech kann nie wieder ein Wildfluss werden, aber ein möglichst naturnaher Fluss. Dafür muss die Sohle stabilisiert und angehoben und flussfreundliches Kiesmanagement betrieben werden. Eberhard Pfeuffer beschrieb folgende Vision, die völlig unvereinbar mit einem neuen Kraftwerk ist: Barrierefreiheit, Rückverlegung der Deiche, Rücknahme der Längsverbauung, sodass wieder Seitenerosion stattfinden kann, Zulassung der Flussdynamik und ein Verbund von Fluss und Aue.

Natürliche Prozesse, die nicht geplant werden können, sollen wieder stattfinden dürfen: Die Natur soll sich selbst überlassen werden, wobei die Erfordernisse des Hochwasserschutzes zu beachten sind.

Licca liber sei „eine Jahrhundertchance für den Lech“, meinte Eberhard Pfeuffer – wenn die Bevölkerung mitmacht.

Stephan Günther (Lebensraum Lechtal e. V.)

Stephan Günther (Lebensraum Lechtal e. V.)

Von Füssen bis Donauwörth reicht das Gebiet, das Stephan Günther betreut. Das sind 168 Kilometer Lechufer. Sein Arbeitgeber ist der gemeinnützige Verein Lebensraum Lechtal e. V., der 2005 aus einem „BayernNetz Natur“-Projekt hervorging und dem die Landkreise und sechs Gemeinden entlang des Lechs angehören (aber keine Gemeinde im Landkreis WM-SOG!). Der Sozialfonds der EU und der Bayerische Naturschutzfonds finanzieren die Gebietsbetreuung – vorerst bis Frühjahr 2015.

Früher hat der Wildfluss die Landschaft gestaltet und für eine Vielfalt von Lebewesen attraktiv gemacht. Heute muss der Gebietsbetreuer versuchen, diese Aufgabe zu erfüllen. Stephan Günther nannte ein paar Beispiele:

  • Wenn Kiesbänke überflutet und immer wieder verlagert werden, kommen Weiden und Erlen nicht hoch, sodass dort Flussregenpfeifer brüten und sich zahlreiche speziell angepasste Arten wie z. B. das Gipskraut ansiedeln. Heute muss das Gebüsch von Menschenhand entfernt werden (und die Menschen werden per Besucherlenkung von den Brutplätzen auf den Kiesbänken ferngehalten). Am gesamten bayerischen Lech gibt es nur noch etwa zwanzig Brutpaare des Flussregenpfeifers!
  • Auf den kargen Böden der Auen entlang des Lechs wuchsen nur anspruchslose Gehölze wie Waldkiefer („Forchet“) und Wacholder. In diesem Halbschatten gediehen Mehlprimeln, Enziane und Frauenschuh und die Kreuzotter fühlte sich wohl. Seit die Staustufen die Flussdynamik verhindern, müssen Fichten und hohe Gräser durch Beweidung in Schach gehalten werden, um dieses Biotop und seine Bewohner am Leben zu erhalten. Schafe, anspruchslose Kühe und Pferde eignen sich ganz besonders für diese Aufgabe.
  • Sind die Fichten schon zu hoch geworden, werden sie in Zusammenarbeit mit dem Verein „Bergwaldprojekt“ beseitigt. Dann kommen einmal im Jahr Freiwillige aus ganz Deutschland (bei freier Unterkunft und Verpflegung), um zum Beispiel dem Uhu wieder eine Einflugschneise zu seinem Brutplatz zu verschaffen.

Diese Landschaftspflege kann nicht die Dynamik eines Wildflusses ersetzen oder simulieren. Das Artensterben ist kaum aufzuhalten. Aber es lohnt sich, weiterzukämpfen. Denn noch ist nicht alles verloren. Mehr Geld würde helfen.

Kleine Lichtblicke: Im Rahmen des vom WWF koordinierten Projekts „Alpenflusslandschaften“, das den Zustand von Isar, Loisach, Ammer und Lech untersuchen und verbessern will, wurden beim Bundesamt für Naturschutz Gelder beantragt, um wieder offene Kiesbanklebensräume zu schaffen, seltene Arten zu schützen und zu untersuchen, ob die Litzauer Schleife durch künstliche Hochwasser, sogenannte „ökologische Flutungen“, wieder etwas Wildflusscharakter zurückerhalten kann, sodass Flussregenpfeifer und Tamariske vielleicht zurückkehren. Außerdem entwickelt das Wasserwirtschaftsamt Möglichkeiten des Kiesmanagements und sucht gemeinsam mit dem Landesfischereiverein alternative Kraftwerktechnik, die durchlässig ist für Fische und Geschiebe.

Nur wer den Lech kennt und liebt, wird bereit sein, sich aktiv für seinen Schutz einzusetzen. Deshalb bietet Stephan Günther Führungen an und der Lebensraum Lechtal e. V. organisiert in jedem Lech-Landkreis „Biotop-Patenschaften“, in deren Rahmen Schulklassen mehrmals pro Jahr wertvolle Biotopflächen am Lech entdecken und bei deren Pflege helfen können. Zurzeit gibt es ein besonderes Schmankerl: Der Lech steht vom 11. März bis 31. Mai 2014 im Mittelpunkt einer Ausstellung innerhalb der Ausstellungsreihe „Gewässer im Landkreis Weilheim-Schongau“, die im Landratsamt Weilheim (im Foyer des Amtsgebäudes II, Stainhartstraße 7) gezeigt wird.

In der Diskussion mahnten Fischer und andere Lech-Liebhaber Verbesserungen in folgenden Punkten an:

  • Der Schwellbetrieb bedingt einen Unterschied von zwei bis drei Metern zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Wasserstand. Das gefährdet die Jungfische und die häufig sichtbaren Schlammgürtel schauen nicht gut aus. Ein Verzicht auf den Schwellbetrieb würde den Stromertrag nur unwesentlich schmälern.
  • Bis 2015 soll nach der EU-Gewässerrahmenrichtlinie ein „guter Gewässerzustand“ erreicht worden sein. Es muss mehr Druck gemacht werden, damit dieses Ziel erreicht wird (wenn auch vielleicht erst etwas später als ursprünglich geplant).
  • Kiesmanagement: Durch die Renaturierung des Lechs in Tirol kommt sehr viel Kies an der Grenze zu Deutschland an. Dieser wird in Österreich gewinnbringend herausgebaggert. In Deutschland fehlt er, käme aber wegen der Staustufen ohne nicht weit.

Auf Nachfrage erläuterte Stephan Günther die wichtige Rolle des Bibers für das Flussleben: Durch Verbiss und Dammbau schuf der Biber immer wieder baumfreie Lichtungen, die zahlreichen anderen Arten vom Schmetterling bis hin zum Rothirsch Lebensraum boten.

Dazwischen gestreute Gedichte von Hans Schütz appellierten an die Emotionen und ergänzten die Argumente der beiden Referenten, sodass dieser Abend mit dem Gefühl und Wissen endete: Der Lech darf nicht sterben.

Weitere Informationen:

www.lechallianz.de
http://www.flussdialog-liccaliber.de

http://lebensraumlechtal.de (Spendenkonto: IBAN: DE71 7205 0000 0240 7810 39, BIC: AUGSDE77XXX)

Das Publikum im Schongauer Sparkassenforum

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