„Hier soll der Wald sich selber leben.“ Ein Plädoyer für Nationalparke

Hans Dieter Knapp

Hans Dieter Knapp

„Hier soll der Wald sich selber leben“

Obiges Zitat stammt von dem preußischen Forstmann Dr. Max Kienitz (1849-1931). Es bildet den Schlusssatz seines am 29. Dezember 1906 gestellten Antrages an den Preußischen Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten zur Ausweisung des Plagefenns im Nordosten Brandenburgs als strenges, nutzungsfreies Naturschutzgebiet. Bereits am 4. Februar 1907 wurde das Plagefenn das erste wirklich befriedete, von jedweder forstlichen Nutzung freigestellte Naturschutzgebiet Deutschlands mit einer Größe von 177 ha.

Der erste deutsche Nationalpark entstand im Gegensatz zu manch anderem europäischen Land erst über 60 Jahre später im Bayerischen Wald. Inzwischen gibt es im wiedervereinten Deutschland 14 Nationalparke in 11 Bundesländern. Nur Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland haben als Flächenländer bisher keinen Nationalpark. Seit Jahren sind weitere Nationalparke immer wieder in der Diskussion. Einer davon ist der „Nordschwarzwald“. Es ist längst überfällig, dass auch Baden-Württemberg sich seinen Nationalpark „leistet“. Wie bei all den anderen Nationalparken in Deutschland wird es sich zunächst um einen „Entwicklungsnationalpark“ handeln müssen, den es in einem längeren Prozess aus einer forstlich geprägten Waldlandschaft zu einer werdenden Wildnis zu entfalten gilt: Ein Stück Wiedergutmachung an der Natur – um ihrer und unserer selbst willen.

Die Nationalparkidee hat mit der Erklärung von Yellowstone zum ersten Nationalpark 1872 ihren Ursprung in Amerika. Seitdem wurden Nationalparke weltweit als erfolgreichste, bekannteste und wohl auch wirksamste Schutzgebietskategorie entwickelt. Sie verbinden konsequenten Schutz von Natur ohne wirtschaftliche Inanspruchnahme mit Wohlfahrt und praktischem Nutzen für den Menschen. Der konzeptionelle Ansatz war, von Zivilisation unberührte Natur vor wirtschaftlicher Ausbeutung zu bewahren und zur Erbauung der Menschen zu erhalten. Allerdings wird die Frühzeit mancher Nationalparke in früheren Kolonien durch Entrechtung und Vertreibung indigener Bevölkerung überschattet. Heute werden Nationalparke weltweit von Hunderten von Millionen Menschen geschätzt und als Naturerbe des jeweiligen Landes verstanden. In einer Welt fortschreitender Naturzerstörung sowie zunehmender Urbanisierung und Naturentfremdung sind Nationalparke heute die wichtigsten Orte für Naturbegegnung und Naturerleben, für Natur- und Selbsterfahrung des Menschen.

In Europa tat man sich anfangs schwer mit der Nationalparkidee aus Amerika. Sie wurde zunächst nur in Schweden (1909) und in der Schweiz (1914), nach dem ersten Weltkrieg auch in Spanien (1918), Italien (1922) und Polen (1932) aufgegriffen. 1939 gab es 31 Nationalparke in 12 Ländern Europas. Deutschland war nicht darunter. In dicht besiedelten Ländern mit flächendeckend genutzter Kulturlandschaft wurde das Konzept großer, nutzungsfreier Schutzgebiete für nicht geeignet gehalten. So verging in Deutschland fast ein ganzes Jahrhundert, bis 1970 im Bayerischen Wald ein erster Nationalpark Realität wurde.

Dieser erste deutsche Nationalpark wurde zum Vorreiter der Nationalparkidee in Deutschland, er eröffnete dem deutschen Naturschutz europäische und weltweite Dimension, er beförderte den „Prozessschutz“ oder besser gesagt das Zulassen natürlicher Dynamik zu einem eigenständigen Naturschutzziel, setzte Maßstäbe und wurde zum Vorbild für andere Nationalparke in Deutschland. „Wildnis“ als Naturschutzziel gelangte erst mit dem Nationalpark Bayerischer Wald auf die Tagesordnung des deutschen Naturschutzes, obgleich es Ansätze dazu bereits seit fast zwei Jahrhunderten gab. „Natur Natur sein lassen“, wie Hans Bibelriether es einfach und einprägsam formulierte, wurde am praktizierten Beispiel zu einem wirklichen, zu einem neuen Leitbild.

Nationalparke nehmen heute eine zentrale Stellung unter den Schutzgebieten in Deutschland ein. Sie haben einen hohen Grad an Bekanntheit und Beliebtheit, werden jedes Jahr von mehreren Millionen Menschen besucht. Sie haben wesentlich zur Entwicklung eines Bewusstseins beigetragen, dass über die Landesgrenzen des föderalen Systems hinaus auch nationale Verantwortung für den Schutz bedeutenden Naturerbes gegeben und wahrzunehmen ist. Mit Forschungs-Projekten und Naturschutzgroßvorhaben des Bundes, mit EUROPARC Deutschland und dem gemeinsamem Erscheinungsbild deutscher Großschutzgebiete als „Nationale Naturlandschaften“, mit dem „Nationalen Naturerbe“ und mit der noch laufenden Evaluierung des Managements der deutschen Nationalparke hat sich die Wahrnehmung bundesweiter Verantwortung für nationales Naturerbe im öffentlichen Bewusstsein und auch in der praktischen Arbeit vor Ort etabliert.

Das Instrument „Nationalpark“ hat sich in Deutschland trotz noch bestehender Defizite und mancher bislang ungelöster Probleme während der vergangenen 20 Jahre als ein Erfolgsmodell des Flächenschutzes erwiesen. Es ist die geglückte Symbiose einer vom Nutzungsdruck befreiten Natur und einer bisher in Deutschland so nicht gekannten Besucherbetreuung mit vielfältigen Angeboten. Die Entwicklung eines naturverbundenen Tourismus wurde durch die Nationalparke erheblich gefördert. Die in den Nationalparken bestehenden Möglichkeiten zu Naturerfahrung und Naturerlebnis, die in ihnen entwickelten Umweltbildungsangebote, insbesondere die Infozentren können als beispielhaft gelten. Nationalparke sind somit auch zu einem Faktor der regionalen Wirtschaftsentwicklung geworden.

Seit der Jahrtausendwende sind „Biologische Vielfalt – Naturschutz – Klimawandel“ weltweit und in Deutschland zu einem Thema geworden, das nicht mehr ignoriert werden kann. Naturschutz ist weder wissenschaftlicher Freizeitvertreib noch Verhinderer von Fortschritt, wie mitunter noch immer diffamierend behauptet wird. Naturschutz ist eine kulturelle und politische Mammutaufgabe zur Sicherung der Lebensgrundlagen für uns Menschen, Naturschutz ist Zukunftsvorsorge. Es gilt, weltweit die letzten Reste intakter Natur vor Raubbau und Zerstörung zu sichern bzw. Natur Raum zur Regeneration zu geben. Nationalparke und „Wildnisgebiete“ sind dafür bewährte Instrumente.

Natur braucht Raum und Zeit, um ökologische Leistungen im Naturhaushalt entfalten und sich dem ablaufenden Klimawandel anpassen zu können. Nationalparke gewähren der Natur Raum und Zeit für diese Anpassung an sich wandelndes Klima, auch für die Entfaltung neuer Ökosysteme. Wir werden uns allerdings, wenn auch mitunter schmerzlich, von festgeschriebenen Bildern und Zielvorstellungen lösen müssen. Wir können weder bestimmte historische Zustände fixieren noch eine potentiell natürliche Vegetation herstellen. Die Natur findet ihre eigenen Wege, auf Veränderungen des Klimas, der Standorte zu reagieren. Natur kann nicht „gemacht“ werden. Maßstab für den Natürlichkeitsgrad ist die Zeit der Nichtnutzung. Die Natürlichkeit nimmt mit der Zeit der Nutzungsfreiheit kontinuierlich zu. Jeder nutzende, pflegende oder steuernde Eingriff durch den Menschen wirft den Prozess der „Regeneration“ zurück. Die Zeit der Regeneration lässt sich weder beschleunigen noch ist sie durch irgendetwas anderes zu ersetzen. Unsere Aufgabe als Menschen ist es aber, ihr dafür den nötigen Raum und die nötige Zeit zu lassen.

Natur in Teilen ihre Integrität, ihre Eigendynamik zurückzugeben, sie nicht stofflich (materiell) zu nutzen, sie in Form von Nationalparken oder gar Welterbegebieten mit UNESCO-Zertifikation der Menschheit unversehrt zu lassen, damit tat man sich bislang in Mitteleuropa schwer. Das Zulassen von Wildnis ist für Mitteleuropa eine neue Naturschutzherausforderung, die einen tiefen Bewusstseinswandel in uns Menschen voraussetzt.

Die Dominanz der Produktionslandschaften und ein wachsendes ökologisches Bewusstsein in den städtischen, von Technik beherrschten menschlichen Lebensräumen haben bei immer größeren Teilen der Bevölkerung Sehnsucht nach Stille, nach Einsamkeit, nach Erleben von nicht dem Herrschaftswillen des Menschen unterworfener Natur geweckt. Damit ist letztendlich das Wildniskonzept, d. h. „Natur Natur sein lassen“ auch in Mitteleuropa eine längst überfällige Naturschutzstrategie geworden.

Die Wertschöpfung erfolgt hier aus immateriellen Leistungen wie Naturerlebnis, Naturerfahrung, Wohlfahrt, Gesundheit, Spiritualität. Und zukünftig wird die In-Wert-Setzung ökologischer Leistungen ebenfalls eine Wertschöpfung ergeben, über deren Größenordnung wir heute nur spekulieren können.

Der Flächenanteil derartiger Naturentwicklungsräume beträgt gegenwärtig in Deutschland weniger als 1 %. Die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt, 2007 von der Bundesregierung verabschiedet, sieht vor, auf 2 % der Landfläche Deutschlands neuer Wildnis Raum zu geben und 5 % der Wälder Deutschlands der Naturwaldentwicklung zu überlassen. Es besteht zweifellos eine wachsende Sehnsucht nach unberührter, unreglementierter Natur, letztendlich auch nach einem Miteinander von Zivilisation und Wildnis. Wildnis, aus sich selbst heraus existierend, braucht den Menschen nicht – aber der Mensch der technisierten Welt braucht Wildnis, auch als Maß und um seiner Demut willen. Aufgegebene Kulturlandschaft wird als Entwicklungsraum neuer Wildnis zunehmend akzeptiert und gewollt.

Die menschliche Zivilisation kann einerseits nur auf dauerhaft umweltgerechten und sozial stabilen Landkulturen fußen, andererseits ist es für sie unabdingbar, die Funktionstüchtigkeit des Naturhaushaltes in stofflich nicht bzw. nicht mehr zu nutzenden Naturräumen aufrecht zu halten. Das bedeutet, vom Nutzungsdruck frei gegebene Naturräume als ökologische Stabilisierungsräume zu begreifen. Drängender denn je steht vor der Menschheit die Aufgabe: Schutz der Natur um unserer selbst willen. Um unserer eigenen Zukunft willen müssen wir der Natur mehr Raum und Zeit geben! „Tun und Lassen“ ist also auch im Naturschutz, in unserem Verhältnis zur Natur neu zu überdenken!

Das Erleben von „Wildnis“, das heißt von Natur, die aus sich heraus fortwährend Leben schafft und Leben vergehen lässt, ohne vom Menschen beeinträchtigt, gestaltet, gesteuert, gepflegt und damit beherrscht zu werden, wird das menschliche Bewusstsein und das Verhältnis des Menschen zur Natur zwangsläufig verändern. Das Zulassen von „Wildnis“ erscheint zunehmend als ein unabdingbarer Bestandteil unserer menschlichen Kultur.

Hermann Hesse (1877-1962) schrieb vor 95 Jahren (1917) seinen Essay „Von der Seele“, in dem er seine Sichten zum Umgang mit einem „Naturwald“ in einer Klarheit formulierte, wie es trefflicher kaum möglich ist:

Erst wo wir nichts begehren, erst wo unser Schauen reine Betrachtung wird, tut sich die Seele der Dinge auf, die Schönheit. Wenn ich einen Wald beschaue, den ich kaufen, den ich pachten, den ich abholzen, in dem ich jagen, den ich mit einer Hypo­thek belasten will, dann sehe ich nicht den Wald, sondern nur seine Beziehungen zu meinem Wollen, zu meinen Plänen und Sorgen, zu meinem Geldbeutel. Dann besteht er aus Holz, ist jung oder alt, gesund oder krank. Will ich aber nichts von ihm, blicke ich nur gedankenlos in seine grüne Tiefe, dann erst ist er Wald, ist Natur und Gewächs, ist schön.

Michael Succow

Michael Succow

Ein Umgang mit Natur in zweckfreier Betrachtung ist kein Luxus, sondern muss Teil der Kultur eines Volkes werden. Nationalparke sind dafür ein geeignetes Konzept. Wo, wenn nicht in ihnen finden Menschen zu Naturbewunderung, zu Naturliebe. Aus Liebe, aus Kenntnis wächst Verantwortung, das führt letztlich zu aktivem Handeln, zur Bewahrung unserer Lebensgrundlage, die auch in Zukunft die Natur sein wird, sein muss. Üben wir uns im Erhalten und Haushalten – um unserer eigenen Zukunft willen!

Michael Succow und Hans Dieter Knapp

— 30.01.2012  —

 

[important]Den Artikel verfassten Prof. Michael Succow und Prof. Hans Dieter Knapp für eine Broschüre des baden-württembergischen NABU-Landesverbandes (Naturschutzbund Deutschland e. V.). Die Veröffentlichung auf dieser Homepage erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Dr. Andre Baumann, dem Vorsitzenden des NABU-Landesverbandes Baden-Württemberg. Eine gekürzte Version erscheint in der Juni-Ausgabe des OHA.[/important]

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