Zukunftsforum in der Wies

Die Speicherfähigkeit von Methan ("Solar Fuel")

Die Speicherfähigkeit von Methan („Solar Fuel“)

Seit 1998 lädt die Katholische Landvolkshochschule Wies einmal im Jahr interessierte Bürgerinnen und Bürger, Experten und Politiker ein zum „Zukunftsforum“ (anfangs noch „Umweltgipfel“ genannt). Nicht nur dafür wurde ihr 2012 der Umweltpreis des Landkreises Weilheim-Schongau verliehen, zusammen mit der Mittelschule Peiting.

Im Mittelpunkt stehen immer Umweltfragen. In diesem Jahr ging es am 19. Januar unter dem Titel „Setz deine Energie ein – aber richtig“ recht praktisch zu. Die vier Referate werden im Folgenden kurz skizziert.

Das Grußwort hielt die stellvertretende Landrätin Andrea Jochner-Weiß, die sich auf Nachfrage nicht zu einer eindeutigen Aussage bezüglich eines Energiemanagers für den Landkreis Weilheim-Schongau durchringen konnte.

Dezentral und demokratisch, intelligent und erneuerbar

Von Ehrenamtlichen allein kann die Energiewende nicht gestemmt werden. Das stand fest nach dem Referat von Ingo Martin, Mitglied des Vorstandes der Bürgerstiftung „Energiewende Oberland“ (EWO) und des EWO-Kompetenzzentrums Energie. Der Klimawandel hat uns zu ehrgeizigen Zielen gezwungen:

  • Im Jahr 2050 soll in Deutschland 90 Prozent weniger CO2 emittiert werden als 1990.
  • Ab 2022 wollen wir ohne Atomkraft auskommen.
  • Das ist eine besondere Herausforderung für Bayern, wo noch 2010 mehr als die Hälfte des Stroms aus Atomkraftwerken stammte und deshalb eine Erzeugungslücke entsteht, die von den Erneuerbaren zusammen mit Erdgas-Kraftwerken abgedeckt werden soll.
  • Die drei Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Miesbach und Weilheim-Schongau, die Mitglied der Bürgerstiftung „Energiewende Oberland“ sind, haben sich vorgenommen, bis 2035 nur noch erneuerbare regional erzeugte Energie zu verwenden und dadurch energieautark zu werden.

Die technischen Voraussetzungen dafür sind vorhanden, was aber fehlt, sind ein ganzheitliches Konzept und der politische Wille – der sich zum Beispiel an der Finanzierung eines Energiemanagers für jeden Landkreis zeigen könnte.

Erreichbar sind diese Ziele durch die Reduzierung von Energieverschwendung, den Ersatz fossiler durch erneuerbare Energie (EE), durch intelligente Systeme und eine Verbesserung der Rahmenbedingungen (Finanzierung, Gesetze). Es gibt keinen Königsweg, sondern verschiedene intelligente Maßnahmen müssen geplant und aufeinander abgestimmt werden.

Die Energie muss künftig dezentral und vor Ort erzeugt werden. Das erspart nicht nur Kosten für die Übertragung, sondern ermöglicht auch eine Wertschöpfung in der Region. Denn derzeit fließen jedes Jahr mehr als 200 Millionen Euro aus dem Landkreis nur für den Import von Energie. Voraussetzung ist, dass die Energiewende demokratisch vor sich geht und die Investitionen von den Bürgern geleistet werden, damit nicht wieder große Konzerne die Bedingungen diktieren und von den Erlösen profitieren.

Um eine dezentrale Energieversorgung ohne Einsatz von fossilen Energieträgern bis zum Jahr 2035 zu erreichen, hat die EWO ein neues Projekt gestartet. Das Konzept sieht vor, dass sich die drei Landkreise langfristig zur „SmartEnergy“-Region Oberland (SERO) entwickeln und zwar mithilfe folgender Maßnahmen:

  • Steigerung der Energieeffizienz durch Einsatz eines intelligenten Systemmanagements und neuester Technologien
  • Ausbau der regionalen Energieproduktion unter Nutzung des verfügbaren Potenzials an EE
  • Aufbau eines intelligenten Netzes zur besseren Verteilung, Nutzung und Speicherung des Überschuss-Stroms aus EE
  • Nutzung des synthetischen Methans für den Einsatz bei Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) und für eine CO2-neutrale Mobilität
  • Partizipation der Bevölkerung (Bürgerkraftwerke) und der Wirtschaft (bezahlbare Energie, Nutzung von Synergismen)
  • Zusammenarbeit von Unternehmen, Bürgern und politischen Entscheidungsträgern.

Für Zeiten, in denen (zu) wenig EE zur Verfügung steht, schlug Ingo Martin dezentrale Anlagen („Blockheizkraftwerke“) zur Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) vor. Diese Technik ist ausgereift und kann mit herkömmlichem Erdgas betrieben werden. Es kann aber auch synthetisches Methan verwendet werden, das aus überschüssigem Strom gewonnen und in das bestehende Erdgasnetz eingespeist wird. Mit Hilfe einer intelligenten Steuerung eignet sich KWK für die Abdeckung des Spitzenstrombedarfs und kann grundlastfähig gemacht werden.

Überschuss-Strom speichern

Eine andere Art der Speicherung von Energie stellte Christof Wiedmann vor: Speicherzellen auf der Basis von Lithium-Eisenphosphat, die zum Beispiel die Firma eurosolid Power Systems AG herstellt.

Weil es derzeit keinen „Vorrat“ an Strom gibt, muss immer so viel Strom zur Verfügung gestellt werden, wie voraussichtlich maximal gebraucht wird. Das ist extrem unwirtschaftlich. Bisher gab es keinen Anreiz, an dieser Situation etwas zu ändern. Das hat sich mit den ungleichmäßig zur Verfügung stehenden erneuerbaren Energien geändert.

DIE Aufgabe der Stromwirtschaft

DIE Aufgabe der Stromwirtschaft

Ein zweiter Grund, der die Speicherung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen unumgänglich macht, ist die Überlastung der Übertragungsnetze durch EE. Durch Zwischenspeicherung könnten die vorhandenen Netze gleichmäßiger ausgelastet werden.

„Kleine“ Lithium-Batterien (180 x 80 x 60 cm) mit 17 kW Leistung könnten zum Beispiel in der Landwirtschaft oder in der Industrie eingesetzt werden und teilweise sogar die Notstromversorgung übernehmen. Sie eignen sich auch als „Stromzisterne“ für Mehrfamilienhäuser. Größere Batterien (bis zu 250 kW) können kleine Wohngebiete („Arealnetze“) versorgen. Grundsätzlich genügt es, eine Eigenversorgung von 70 bis 80 Prozent anzustreben, der Restbedarf wird aus dem Netz gedeckt.

Lithium ist übrigens kein knapper Rohstoff. Auch in Deutschland (Erzgebirge) kommt Lithium vor.

Die Bundesregierung hat angekündigt, die Anschaffung von Solarstromspeichern (voraussichtlich gekoppelt an Photovoltaik-Anlagen) staatlich zu fördern. Am 1. März 2013 soll dieses Stromspeicher-Gesetz in Kraft treten. Details konnten bei Redaktionsschluss nicht ermittelt werden.

Die Moral der Energiewende

Dr. Jochen Ostheimer vom Lehrstuhl für Christliche Sozialethik der Ludwig-Maximilians-Universität München beleuchtete zunächst den Begriff der „Energiewende“. Eine Wende bezeichnet grundsätzliche Veränderungen, die auch Ängste auslösen können. Doch spätestens seit 1989 in Deutschland ist der Begriff „Wende“ positiv besetzt.

Die erste Energiewende war die Beherrschung des Feuers, die zweite fand in der Jungsteinzeit statt, als die Menschen begannen, „gespeicherte Sonnenenergie“ zu ernten, danach kam die Nutzung der „unterirdischen Wälder“, die eine hohe Energiedichte aufweisen. Nun ist Zeit für die vierte Energiewende, für die Nutzung von Sonne und Wind, was viel Land und Infrastruktur benötigt und Konflikte heraufbeschwören kann.

Diese Energiewende glückt, wenn sie nachhaltig betrieben wird. Dieser normative Begriff, der aus der Forstwirtschaft stammt, beruht auf vernetztem Denken und erfordert Vorsorge und Koordination. Nachhaltig zu handeln, ist kollektiv klug, gerecht, verantwortungsbewusst und zufriedenstellend.

Konflikte entstehen, weil bei der wirtschaftlichen Nutzung natürlicher Ressourcen ökonomische, moralische, ökologische und ästhetische Interessen miteinander konkurrieren.

Bei jeder Veränderung der ökonomischen Rahmenbedingungen müssen alle Betroffenen einbezogen werden und Transparenz sowie gleiches Recht für alle herrschen. Gemeinwohlorientierung soll das Handeln bestimmen, nicht Partikularinteressen. Alle müssen an den Kosten beteiligt, aber Armut verhindert werden.

Die Energiewende in Deutschland darf nicht zu Lasten anderer Länder gehen. Es ist nicht gerechtfertigt, auf gerodeten Flächen im Regenwald Palmölplantagen zu errichten, um Biodiesel zu erzeugen.

Klimaschutz darf nicht gegen Naturschutz ausgespielt werden. Es müssen Lösungen gefunden werden, die beides berücksichtigen.

Die Veränderung eines Landschaftsbildes stört die „emotionale Verortung“ der Menschen. Sie wird eher akzeptiert, wenn die Betroffenen von Anfang an mitgestalten können.

Sie wird glücken,

  • wenn sie transparent und gerecht ist
  • wenn sie koordiniert und kooperativ (auch mit anderen Ländern und der EU) abläuft
  • wenn sich die Betroffenen beteiligen und selbstständig betätigen können und
  • wenn technische und soziale Intelligenz zusammenspielen.

Auf jeden Fall wäre keine Energiewende die schlechtere Alternative.

Energiewende in Steingaden

Florian von Polenz, Koordinator des Arbeitskreises Energie der Gemeinde Steingaden, konnte zeigen, dass die Bürger sehr reges Interesse an der Energiewende haben, wenn sie selbst aktiv werden können. 2012 tat sich einiges in dem Dorf mit 2800 Einwohnern, was zeigte, dass das Thema Energie die Leute bewegt:

  • Die Frauenliste veranstaltete eine sehr gut besuchte Podiumsdiskussion unter dem Titel „Strom ohne Atom“.
  • Der Arbeitskreis Energie mit etwa 15 Mitgliedern wurde gegründet.
  • Die Grundstückseigentümer einer für Windkraftnutzung geeigneten Fläche haben sich zusammengeschlossen, um sich die Handlungsfähigkeit nicht von Konzernen aus der Hand nehmen zu lassen.
Relation der in Steingaden eingespeisten regenerativen Energie zur bezogenen

Relation der in Steingaden eingespeisten regenerativen Energie zur bezogenen

Der Arbeitskreis will informieren und sensibilisieren sowie das Bewusstsein für „Größeres“ schaffen und Synergieeffekte nutzen. Nichts weniger als eine Energiewende „von unten“ ist das Ziel. Die Einsparung von Energie wird für ebenso wichtig gehalten wie deren Gewinnung, die auf jeden Fall dezentral erfolgen soll, damit die Wertschöpfung in der Region bleibt.

Für die Bestandsanalyse wurden von den großen Stromversorgern die Bezugswerte und die Einspeisemengen erfragt. Außerdem gab eine Fragebogenaktion mit guten 10 Prozent Rücklauf Auskunft darüber, wie viel und welche Energie in den Häusern des Dorfes verbraucht und produziert wird.

Dabei kam heraus, dass gegengerechnet 51 Prozent des verbrauchten Stroms im Ort erzeugt und 45 Prozent der Wärmeenergie durch Holz gewonnen wird. Der erzeugte Strom wird bisher aber praktisch nicht selbstgenutzt.

Viele Maßnahmen zur Information und Aktivierung der Bevölkerung sind geplant:

  • Aktion zum Austausch von Heizungspumpen
  • Artikelserie mit Energiespartipps im wöchentlich erscheinenden Mitteilungsblatt der Gemeinde
  • Aufbau einer Info-Mediathek
  • Energieberatung in Steingaden (statt im fernen Weilheim)
  • Anschaffung von Stromverbrauchsmessgeräten zur Ausleihe
  • Stromsparwettbewerb
  • Evtl. Bürger-Zukunftswerkstatt „Steingaden hat Energie“
  • Vortragsserie oder Messe zu verschiedenen regenerativen Energieformen

Außerdem wird die Auftaktveranstaltung zu dem Programm „LandSchafftEnergie“ durchgeführt, an dem Steingaden als eine von 15 Gemeinden in Oberbayern teilnimmt. Das Amt für ländliche Entwicklung (ALE) finanziert kompetente Berater für Landwirte, Gewerbetreibende und die Kommune. Mit dieser Unterstützung will Steingaden energieautark werden.

Steingaden hat Erfahrung mit Großprojekten (Blütentage, Freilichttheateraufführungen „Welfs Erbe“ und „Wunder Wies“ etc.). Im Ort wohnen kompetente Handwerker und die Vereine sowie die Bürgerinnen und Bürger sind ganz besonders engagiert. Deshalb kann mit der Unterstützung durch den Bürgermeister und ALE eine kommunenbasierte Energiewende gelingen.

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